Bureau G9


2 | Der Sinn der Timeline

von Dr. Gonzo. Durchschnittliche Lesezeit: about 3 minutes.

Den Satz „Facebook will unser Leben“ las man oft, nachdem Mark Zuckerberg letzthin Facebook Timeline angekündigt hatte. Ich glaube, dieser Spruch ist wahrer als er wohl meistens gemeint war. Aber zunächst wollen wir überlegen, was das neue Feature für unsere digitale Person bedeutet.

Woraus besteht unser Ich? Bekanntlich keine ganz triviale Frage, aber soviel kann man wohl sagen: Das Ich ist eine Suppe, die aus den Zutaten (a) Neigungen, (b) soziales Umfeld und (c) Erinnerungen zubereitet wird. (Wer uns zubereitet und wer uns auslöffelt, gehört ins Fach der Metaphysik und steht hier noch nicht zur Debatte.) Diese drei Sphären auf jeden Fall sind es, die unsere Person untereinander ausmachen: (a) die angeborenen und erworbenen Neigungen, (b) die Anderen, die uns mit Namen, Titel, Ansehen, Arbeit und Lohn in der Gesellschaft situieren, und (c) eine Reihe von Erinnerungen, die wir im Gehirn (und auf externen Datenträgern) aufbewahren.

Ein Informatiker würde sagen: (a) Prozessor, (b) Schnittstellen und (c) Speicher. Mark Zuckerberg würde sagen: Likes, Friends & Timeline.

Timeline schliesst eine Lücke im System; die zwei anderen ich-stiftenden Abteilungen haben wir ja schon zu guten Teilen an Facebook ausgelagert. Nun gibt Es uns auch ein Tool zum Aufbewahren, Ordnen und Filtern unserer Lebensspuren. Was bedeutet das?

Woran sich unser Langzeitgedächtnis „erinnert“, wurde immer schon weitgehend bestimmt durch die Rückstände, die das Leben ausserhalb unseres Gehirns hinterlässt: auf externen Speichermedien wie Fotos, Videos, Tagebücher, Souvenirs, Anekdoten u.s.w. Gelegentlich in ihnen stöbernd vergewissert man sich seiner selbst. Früher verwahrte man sie in Alben und Kommoden, in Schachteln auf dem Estrich. Dann kamen Jahre, in denen man Unmengen von Texten, E-mails, Fotos u.s.w. auf Computern und obskuren Datenträgern vergass, zu denen man inzwischen auch kein Lade- und Lesegerät mehr fände. In der Cloud hingegen scheint unsere Lebenspur auf einmal wieder übersichtlich, nachvollziehbar und beständig. Facebook bringt Ordnung und Struktur in unsere digitale Existenz.

Natürlich, alles hat seinen Preis. Ab und zu fällt einem wieder auf, wie gratis all diese nützlichen Tools sind, die immer mehr Belange unseres Lebens verbessern. Aber nichts ist umsonst, so haben wir es gelernt. Was gratis ist, hat man in irgendeiner Währung zu bezahlen, wenn nicht sofort, dann später. Facebook gibt uns Timeline, und wir geben Facebook das, was wir früher sorgsam aufbewahrt und weggeschlossen haben, nicht weil es peinlich war, sondern weil es intim schien. Das Private macht einen beherzten Schritt Richtung Öffentlichkeit, auch wenn es nur ein paar hundert Freunde sehen, und auch wenn wir diese in Listen und Kreisen administrieren könnten, wenn uns das nicht zu viel Arbeit wäre, und wenn nicht diese raffinierten Algorithmen ohnehin schon eine ziemlich gute Auswahl treffen würden. Wir geben freiwillig ein Stück der Kontrolle ab, und just dadurch kommt überhaupt unser digitales Ich zustande. Denn das Ich ist dort wie hier nicht denkbar ohne seine – je nach Weltanschaung totale oder weitgehende – Abhängigkeit von den umwirkenden Kräften und Gegebenheiten.

Es ist, als hätten wir bisher im Internet nur geträumt: Vereinzelte Momentaufnahmen ohne inneren Zusammenhang, ohne kohärente Logik, ohne Bestand. Da und dort verstreut ein alter Post unter irgendeinem längst vergessenen Pseudonym. Erst dank Facebook und Google bekommen unsere Internet-Identitäten Kontinuität und Kontur, erwachen allmählich aus dem embryonenhaften, traumartigen Dämmerzustand des präsozialen Internet, werden zu vernünftig handelnden, transparenten und zusammenhängenden Identitäten, die nun auch ein Langzeitgedächtnis erhalten, die Timeline.

Ob dieses Erwachen oder dieses Geborenwerden ein Like verdient, ist freilich eine ganz andere Frage, die uns noch beschäftigen wird. Warum es aber auf Facebook kein Dislike gibt, davon handelt die nächste Vorlesung.

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