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3 | Dislike: Ich warte draussen

von Dr. Gonzo. Durchschnittliche Lesezeit: about 4 minutes.

Die Forderung nach einem Facebook Dislike ist fast so alt wie der Like-Button. Weil einem im Alltag das Nichtmögen so geläufig ist wie das Mögen, fühlt man sich „drüben“ nicht ganz vollständig repräsentiert. Aber dafür haben die Betreiber der Netzwerke ihre guten Gründe.


Warum es bei Facebook (Google) kein Dislike (-1) gibt, ist logisch: Welche Website würde denn das Plugin noch einbauen wollen? Jedes Dislike wäre kompromitierend für alle, auch wenn es nur z.B. auf den Inhalt eines Artikels gemünzt wäre, nicht auf den Autor oder die Plattform.

Im Innern von Facebook würde sich ein Dislike-Button genauso verheerend auswirken. Denn auch hier: Selbst wenn unser Dislike nur den Inhalt eines geposteten Links meinen würde, der Freund bezöge es auf seinen Post, wenn nicht auf seine ganze Person. Einige wenige Dislikes würden genügen, um ein Facebook-Mitglied rasch zu einem passiveren, wenn nicht zu einem Ex-Mitglied zu machen. Ein Dislike wiegt in der Seele des Nutzers schwerer als tausend ausgebliebene Likes.

Natürlich ist das Like genau so undifferenziert: Man weiss im Grunde nie, was genau gemocht wird: Die Tatsache, dass ich einen Link gepostet habe? Der Inhalt hinter dem Link? Die Art und Weise, wie dieser Inhalt dort präsentiert wird? Aber das interessiert beim Like niemanden: weil alles im Internet gemocht werden will. Daher können sich im Like alle Beteiligten sonnen: der Poster selbst, die Plattform, der Autor romarmura.com eines Artikels und die Person, von der vielleicht darin die Rede ist. Weil alle im Internet es mögen, gemocht zu werden, ist Facebook Like eine Erfolgsgeschichte ohnegleichen. Weil niemand es mag, disliked zu werden, darum gibt es kein Facebook Dislike.

Die meisten vermissen es ja auch nicht wirklich. Die Frage wird aber früher oder später die Gemüter noch beschäftigen: Wenn diesseits des Bildschirms in unserem sozialen Verkehr (mit Familie, Freunden, Arbeitsumfeld) das Nichtmögen (von Dingen, Umständen, Personen) doch eine so grosse Rolle spielt, wie sie es nun mal tut – wie stellen wir uns dann dazu, dass für eine so zentrale Komponente sozialen Interagierens drüben im Internet kein Platz ist? Wie stellen wir uns dazu, dass wir uns im Internet-Spiegel als eitelblöde Karrikatur sehen? Wir schauen mit Genugtuung unserem heranwachsenden Internet-Avatar zu, wie er Jahr für Jahr an Schärfe, Umfang und Bedeutung gewinnt, schon jetzt mehr Freunde hat als unser Primär-Ich und sich definitiv an mehr „Stories“ erinnert als unser physisches Gedächtnis – aber er kommt einem manchmal auch vor wie ein in Watte gepacktes Klischee. Die Anerkennungsmaschine, die die Gesellschaft ist, verzichtet im Social Web darauf, die penibel gezählten Likes an ihrem Gegenstück zu messen. Dabei könnte ein einziges differenziertes Dislike wertvoller sein als tausend Likes, etwa weil es dem Subjekt vor Augen führt, warum es noch nicht hunderttausend Likes hat. Statt dessen deutet man auch die wenigen Likes immer als Bestätigung und betreibt deshalb vielleicht eine halbe Sache viel zu lang in die falsche Richtung.

Natürlich werden auf Facebook und Twitter am laufenden Scrollbalken Diktatoren, Prominente und Konzerne gedisst. Dafür werden Tools genutzt, die übrigens andere auch anbieten, Chat, Microblogging, Invitations. Aber diese Missfallensbekundungen sind, auch wo sie durch Facebook hindurch gehen, immer auf das Diesseits gemünzt. Das System lässt das Dislike zu, aber nur für reale Personen und Firmen im dreidimensionalen Raum, nicht für ihre digitalen Repräsentanten (Profile und Pages). Diese selbst kann man ignorieren, aber nicht disliken.

Mit anderen Worten: Das Dislike muss draussen bleiben. Das Dislike ist wie der Hund, der vor dem Supermarkt auf sein Herrchen warten muss, bis es wieder ausgeloggt kommt. Der Supermarkt ist das Social Web, in dem wir uns zu verhalten haben wie Konsumenten: Wir legen die Waren in den Korb, die wir mögen. Alle übrigen lassen wir im Regal, aber wir disliken sie nicht. Das stört auch nicht, beim Einkaufen, und es braucht uns im Social Web nicht zu stören, solange wir uns dort mit der Rolle der Konsumenten zufrieden geben.

Und für die Dissidenten gibt es jenseits und diesseits des Bildschirms genügend Kanäle. Man muss also nicht gleich das Ende der Meinungsfreiheit im Internet heraufbeschwören, nur weil es kein Dislike gibt. Hier geht es allein um die Repräsentation unseres in Facebook & Co heranwachsenden Einheits-Avataren. Er erhält seine Definition primär durch das, was ihm gefällt oder gefallen hat, des weiteren durch Freunde und deren Likes. Das Nichtgefallen wird in die unteren Schubladen und vergänglichere Kanäle aussortiert. Facebook Timeline wird in dieselbe Kerbe hauen: Naturgemäss versammelt man da eher die Glanzlichter seines Lebens als die Krisen und Niederlagen. Das sind gute Aussichten: Wir können davon ausgehen, dass unsere künftigen Internet-Repräsentanten wesentlich zufriedener und glücklicher sind als unsere Primär-Ichs. Und wünschen wir für unsere Nachkommen nicht vor allen Dingen Zufriedenheit und Glück?

3 Kommentare zu ‘3 | Dislike: Ich warte draussen’

  1. Beat sagt:

    Ich würde dauernd den “Missfällt mir”-Knopf betätigen! Nicht aber bei diesem Artikel.

  2. Beat sagt:

    Jemand hat die Idee aufgegriffen und Facebook mit Hilfe eines Browser-Plugins um einen Dislike-Button “erweitert”:
    http://www.facebook.com/fdislike

    Die entsprechende FB-Page gefällt 564’421 Leuten.

    • Dr. Gonzo sagt:

      Ja, das Dislike Plugin für Firefox habe ich ausprobiert. Das Problem ist: Erstens erfährt niemand von meinen Dislikes, weil sie ja nur von FB-Freunden gesehen werden, die das Plugin ebenfalls installiert haben, also eigentlich ist es gleichviel wie wenn ich mein Dislike bloss in den Bart murmle. Zweitens gibts das Dislike dann nur auf FB selber, also bei den Posts meiner Freunde, die sich mit meinen Dislikes dann ständig persönlich angegriffen fühlen würden.

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