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1 | Google+Facebook: bitte nicht vermummen

von Dr. Gonzo. Durchschnittliche Lesezeit: about 2 minutes.

Google+ eifert Facebook auch in der Klarnamen-Politik nach. Löscht Profile mit Pseudonymen und rechtfertigt dies mit dem Bestreben, im sozialen Netzwerk möglichst wirklichkeitsnahe Voraussetzungen schaffen zu wollen. Aber sehen wir doch mal in der Wirklichkeit nach.

Stimmt. In der ezcookery.com Wirklichkeit müssen wir dem Polizist den Ausweis zeigen, uns beim Einwohneramt anmelden, Steuererklärung ausfüllen und noch einiges, bei dem unsere eindeutige Indentität eingefordert wird. Doch man kann auch recht viele Dinge ohne Ausweis und Namensschild Moneygram en linea tun: Einer Tänzerin eine Note in den Höschenbund klemmen, einem Vandalen gehörig die Meinung sagen, im Antiquariat ein schönes Buch kaufen. Im täglichen Leben wahren wir sogar im Umgang mit manch liebem Bekannten noch eine gute Portion Anonymität. Vorläufiges Fazit: Wenn man Google’s Argument ernst nimmt, entspräche das Löschen anonymer Nutzerprofile in der Wirklichkeit einem blutigen Massaker an zufälligen Passanten, die nicht ordentlich angeschrieben sind.

Wir wollen nicht dramatisieren. Niemand wird erschossen. Dass den Internetkonzernen so viel am Horten eindeutiger Identitäten liegt, ist nur verständlich: Sie sind der wertvollste Rohstoff der postindustriellen Welt, aus ihm werden Konsumenten und Staatsbürger hergestellt. Sicher, in ihrem Bestreben, das Social Web zu entanonymisieren, verfolgen die Grossfirmen nur wirtschaftliche Ziele. Aber sie nehmen zunehmend auch eine Rolle ein, die bislang kirchlichen und dann staatlichen Organen vorbehalten war, nämlich die Verwaltung und Disziplinierung der Individuen: in der Neuen Welt des Internet. Sie sind die Konquistadoren, die die Wilden in der Neuen Welt zu Untertanen der Krone machen. Jeder zivilisierte Mensch muss heute eine ordentliche und auffindbare Identität im Internet haben, und vom Oberschüler bis zum Geschäftsmann beugt sich jeder der Oberweisheit aller professionellen Social Media-Erklärer: Die Notwendigkeit, eine Ich-Marke im Internet zu etablieren. Die „persönlich“ und „authentisch“ sein muss. Wobei man es damit nicht gerade übertreiben soll: keine Schnappschüsse vom letzten Botellón ins Netz stellen, nicht unbedacht über den Amtsvorsteher herziehen, keine allzu obskure Neigungen verraten etc.

Die Selbstzensur, die wir bei der Pflege unserer Internet-Persona walten lassen, ist uns vom Diesseits her wohlvertraut. Man lässt ja im wahren Leben auch nicht immer und überall gleich die Sau raus. Allerdings: Der Umfang, die Dauerhaftigkeit und die Intransparenz unserer digitalen Datenspuren übertrifft alles, was bisher in Sachen Kartografierung des Menschen möglich und denkbar war. Die Unübersichtlichkeit fördert Abspaltungstendenzen: Wir werden mehr Dinge, die unserer öffentlichen Internet-Persona potenziell schaden könnten, in die digitalen Hinterzimmer verlagern, dorthin wo man noch ohne ID und History eingelassen wird. Das Individuum im Internet zerfällt in eine internetbürgerliche Fassade und eine Reihe von Schattenexistenzen.

Alles genau so wie in der ‚Wirklichkeit’. Die entscheidende Frage aber wird sein: ob die Internetriesen sich auf lange Sicht mit der geschönten Fassade ihrer Nutzer/Bürger zufrieden geben werden. Bekanntlich haben sie den Drang, in alle Bereiche des Menschlichen vorzudringen. Darum ist damit zu rechnen, dass sie sich dereinst auch stärker für die weniger rühmlichen Datenspuren interessieren werden und diese den von ihnen verwalteten Entitäten zuzuordnen versuchen. Sei es aus wirtschaftlichen oder machtpolitischen Motiven.

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